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Psychoanalyse und abgeleitete Therapien

Die Psychoanalyse soll durch Gespräche und freies Assoziieren innere Konflikte ans Licht bringen. Von ihr leitet sich zum Beispiel die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie her
von Dr. med. Alexandra Kirsten, aktualisiert am 04.04.2017

Bei der klassischen Psychoanalyse sitzt der Therapeut am Kopfende der Couch

Getty Images/istock/360

Das Wort Psychoanalyse kommt aus dem Griechischen: "Psyché" bedeutet Seele, "analysis" Untersuchung. Ab 1890 entwickelte der bekannte Wiener Neurologe Sigmund Freud ein theoretisches Modell, das die menschliche Psyche zu erklären versucht. Daraus ging eine eigene Behandlungsmethode als eine der grundlegenden Formen der Psychotherapie hervor. Freud prägte den Begriff Psychoanalyse und definierte sie als "Verfahren zur Untersuchung seelischer Vorgänge, welche sonst kaum zugänglich sind." Die klassische Psychoanalyse wurde im Laufe der Zeit weiterentwickelt und variiert.

Was ist die Psychoanalyse?

Als Behandlungsverfahren ist die Psychoanalyse, wie auch andere Psychotherapien, darauf ausgerichtet, Hilfe bei seelischen Problemen zu bringen. Dazu gehören im Allgemeinen Störungen des Denkens, Fühlens, Erlebens und Handelns. Diese können in seelischen und körperlichen Symptomen zum Ausdruck kommen wie zum Beispiel Ängste, Essstörungen, Süchte oder Zwänge. Psychoanalytische Verfahren können unter anderem bei bestimmten Depressionsformen, Verhaltens- und Persönlichkeitsstörungen hilfreich sein sowie bei psychosomatischen Erkrankungen, bei denen unklare körperliche Symptome im Vordergrund stehen.

Im Gegensatz zu "trainierenden Verfahren" wie der Verhaltenstherapie, die im "Hier und Jetzt" ansetzen und dem Behandelten Bewältigungsstrategien an die Hand geben, zählt die Psychoanalyse zu den "aufdeckenden Therapien". Ziel der Therapie ist es, dass der Behandelte die meist unbewussten Konflikte beziehungsweise Ursachen und Zusammenhänge erkennt, die ihn immer wieder in unangenehme Situationen geraten lassen. Diese Erkenntnis soll ihm helfen, seine Probleme zu lösen und gesünder zu werden. "Hängen seine Schwierigkeiten mit Störungen oder Defiziten beim Aufbau einer gesunden seelischen Struktur zusammen, geht es um eine Umstrukturierung oder Nachreifung der Persönlichkeit", erläutert Psychoanalytikerin Dorothee Stoupel aus Berlin-Charlottenburg.

Grundlagen der Psychoanalyse

Die Psychoanalyse beruht auf der Theorie, dass sich Menschen nicht aller Faktoren bewusst sind, die ihr Fühlen und Handeln beeinflussen. Eine bedeutsame Rolle spielen dabei unbewusste, innere Konflikte in der Persönlichkeit eines Menschen. Diese können ihrer Unerträglichkeit wegen zum Beispiel verdrängt worden sein und den Grund für Probleme in Beziehungen, der Arbeit oder im Alltagsleben darstellen. Die inneren Konflikte äußern sich in psychischen Erkrankungen und Symptomen wie Ängsten, Depressionen und Zwängen.

In der Psychoanalyse geht es darum, diese im Unbewussten wirkenden Faktoren aufzudecken und sie als Antwort beziehungsweise Schutzmaßnahmen zu verstehen, die ein Mensch zur Aufrechterhaltung seines seelischen Gleichgewichts einmal gefunden hat, die aber in der Gegenwart ihren Dienst versagen. Es gilt also zu verstehen, wie diese Faktoren das gegenwärtige Leben des Patienten beeinflussen, um neue Wege, die damals nicht zur Verfügung standen, gehen zu können. "Daher interessiert sich die Psychoanalyse auch für die Vergangenheit, für die Gewordenheit des Menschen in seinem So-Sein", sagt Stoupel. "Frühere Lebensphasen interessieren nur insofern, als sie in die Gegenwart störend eingreifen." Denn Psychoanalytiker gehen davon aus, dass viele seelische Probleme durch Traumata, ungelöste Konflikte und nicht bewältigte Erfahrungen aus der Kindheit und späteren Entwicklungsphasen entstehen.

Sigmund Freud gilt als Begründer der Psychoanalyse

Getty Images/Science Source

Strukturmodell der Psyche

Freud entwickelte das bis heute bekannte Strukturmodell der Psyche des Menschen. Demnach besteht die Psyche zum einem aus dem "Ich", dem Selbstbewusstsein des Menschen. Zum anderen umfasst sie aber auch seine Triebe und Bedürfnisse, das "Es". Der dritte Bestandteil sind die erlernten Werte, Normen und Regeln, das "Über-Ich". Laut Freud bilden sich diese drei Funktionen in der frühen Kindheit heraus. "Sie sind teilweise unbewusst und beeinflussen das innere und äußere Leben.", erklärt Stoupel. Ist nach diesem Modell die Struktur der Psyche im Ungleichgewicht oder die frühe Entwicklung gestört, oder sie weist Defizite auf, kann es zu psychischen Problemen kommen.

Freud beschäftigte sich intensiv mit der frühkindlichen Persönlichkeitsentwicklung und den Trieben, womit die somatische Grundlage, die körperlichen Zustände und Bedürfnisse, die für die seelische Entwicklung bedeutsam werden, gemeint sind. Heutzutage betrachten psychoanalytisch tätige Therapeuten die frühen und gegenwärtigen Beziehungen, also das soziale Umfeld und die engen Bezugspersonen, mit denen ein Mensch aufwächst und lebt. Dabei untersucht der Behandelnde, wie das Erleben und Fühlen seines Patienten gegenüber ihm nahestehenden Menschen im Privat- und Berufsleben von Überzeugungen und Erfahrungen mitbestimmt sind. Er analysiert auch, wie seine früheren Erfahrungen sein bewusstes und unbewusstes Handeln bestimmen.

Wie funktioniert eine analytische Psychotherapie?

Die analytische Psychotherapie basiert auf der klassischen Psychoanalyse von Sigmund Freud. Es gibt inzwischen aber verschiedene Weiterentwicklungen, geprägt vor allem durch die Therapeuten Alfred Adler und Carl Gustav Jung. Die klassische analytische Psychotherapie ist als Langzeittherapie angelegt. Sie findet über einige Jahre hinweg drei- bis fünfmal wöchentlich statt. Während der Therapie liegt der Behandelte auf einer Couch und sagt möglichst frei alles, was ihm gerade durch den Kopf geht. Dieses Erzählen wird als freies Assoziieren bezeichnet. Der Analytiker sitzt dabei außerhalb des Blickfeldes seines Patienten und bleibt im Hintergrund. Er wird in der Therapie zu einer Art "Projektionsfläche" für die frühen Bezugspersonen des Behandelten oder für innere Konflikte des Patienten. Dies geschieht meist automatisch und unbewusst: Erscheint der Analytiker dem Analysierten zum Beispiel auf einmal kalt und abweisend, wird er dadurch zum Vater, von dem sich der Patient nie geliebt fühlte. In der Fachsprache heißt dieser Vorgang Übertragung. Die Gefühle, die der Analytiker dabei erlebt, bezeichnet man als Gegenübertragung. Die Häufigkeit der Sitzungen und die Dauer einer Psychoanalyse ermöglichen es, der Eigengesetzlichkeit der psychischen Prozesse zu folgen, die Selbstheilungskräfte zu fördern und zu einer Umstrukturierung und emotionalen Befreiung der Persönlichkeit beizutragen.
Dies geschieht in professionell strukturierten und therapeutisch gestalteten Gesprächen. Auch die Träume des Behandelten kann der Therapeut zur Analyse heranziehen.

Varianten der analytischen Psychotherapie können auch als Gruppentherapie erfolgen. Für die Behandlung von Kindern gibt es spezielle Herangehensweisen, bei denen der Psychotherapeut beispielsweise spielend mit dem Kind Kontakt aufnimmt.  

Bei der Tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie sitzen sich Patient und Therapeut gegenüber

PhotoDisc/ RYF

Die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie

Neben dieser sehr zeitaufwendigen psychoanalytischen Therapie, die eine tiefgreifende emotionale und nachhaltige Veränderung zum Ziel hat, ist heute die kürzer dauernde tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie weit verbreitet. Analytiker und Behandelter treffen sich ein- bis zweimal wöchentlich und sitzen sich gegenüber. Auch konzentriert sich diese abgewandelte Form eher auf einem umschriebenen Konflikt im "Hier und Jetzt" und nicht so sehr auf die genaue Selbsterkenntnis und die gründliche Bearbeitung der Lebensgeschichte, wie die Psychoanalyse es tut. Im Vergleich zur Verhaltenstherapie liegt der Fokus jedoch weniger darauf, das problematische Verhalten direkt zu beeinflussen, sondern eher darauf, die Funktion seines Verhaltens und seine zugrundeliegenden Ursachen zu klären und mit Hilfe des Therapeuten für sich selbst die am besten geeignete Lösung zu finden. Dadurch soll der Betroffene seine aktuellen Beschwerden verringern können.

Wer trägt die Kosten einer Psychoanalyse?

Liegt ein ausreichender medizinischer Grund vor, übernehmen die gesetzlichen Krankenkassen die Kosten für die analytische Psychotherapie und die tiefenpsychologisch fundierte Therapie. Die Wahl des Therapeuten ist frei, er muss allerdings eine Kassenzulassung besitzen. Eine analytische Psychotherapie kann über mehrere Jahre gehen. Deshalb erlauben die gesetzlichen Krankenkassen meist einige Probesitzungen, die es dem Patienten ermöglichen, herauszufinden, ob das für ihn hilfreich ist und den passenden Analytiker zu wählen. Innerhalb der Probesitzungen legt der Therapeut auch die vorläufige Diagnose fest und erstellt unter Umständen einen Bericht für einen Gutachter der Krankenkasse. Je nach Art der psychischen Erkrankung können bis zu dreihundert Sitzungen finanziert werden.

Wo finde ich einen Psychotherapeuten/Psychoanalytiker?

Psychotherapeuten sind Psychologen oder Mediziner. Zusätzlich zu ihrem Studium haben sie eine in der Regel aufwendige und fundierte psychotherapeutische Zusatzausbildung abgeschlossen. Die Berufsbezeichnung "Psychologischer Psychotherapeut" beziehungsweise "Medizinischer Psychotherapeut" ist inzwischen gesetzlich geschützt. Sie darf nur von Therapeuten getragen werden, die eine Approbation (Berufszulassung) aufgrund des Psychotherapeutengesetzes oder als Arzt mit entsprechender Zusatzausbildung besitzen.

Die Weiterbildung zum Psychoanalytiker wird in der Regel durch die verschiedenen Fachgesellschaften organisiert.

Listen von zugelassenen psychoanalytisch arbeitenden Psychotherapeuten finden Sie zum Beispiel bei den Krankenkassen, der Deutschen Psychoanalytischen Vereinigung und bei der Deutschen Gesellschaft für Psychoanalyse, Psychotherapie, Psychosomatik und Tiefenpsychologie.

Dipl.-Psych. Dorothee Stoupel

© murattueremis@t-online.de

Beratende Expertin: Diplom-Psychologin, M.A. Dorothee Stoupel, Psychoanalytikerin in Berlin-Charlottenburg und Pressereferentin der Deutschen Psychoanalytischen Vereinigung (DPV)

Quellen:
1. Arolt V, Reimer C, Dilling H: Basiswissen Psychiatrie und Psychotherapie, Springer, Heidelberg,  7. Auflage, 2011
2. Möller HJ, Laux G, Deister A: Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie, Thieme, Stuttgart; 5. Auflage, 2013
3. Medizinische Universität Wien, Universitätsklinik für Psychoanalyse und Psychotherapie. Online: www.meduniwien.ac.at/hp/psychoanalyse (Abgerufen am 09.02.14)
4. Deutsche Psychoanalytische Vereinigung. Online: www.dpv-psa.de (Abgerufen am 09.02.2014)
5. International Psychoanalytical Association. Online: www.ipa.org.uk (Abgerufen am 11.02.2014)
6. Deutsche Gesellschaft für Psychoanalyse, Psychotherapie, Psychosomatik und Tiefenpsychologie. Online: www.dgpt.de (Abgerufen am 10.02.14)
7. Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN). Online: www.dgppn.de (Abgerufen am 11.02.14)


Wichtiger Hinweis:
Dieser Artikel enthält nur allgemeine Hinweise und darf nicht zur Selbstdiagnose oder –behandlung verwendet werden. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen. Die Beantwortung individueller Fragen durch unsere Experten ist leider nicht möglich.




Bildnachweis: PhotoDisc/ RYF, Getty Images/Science Source, © murattueremis@t-online.de, Getty Images/istock/360
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