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Sucht oder nur schlechte Gewohnheit?

Verlangen nach Süßem, ständiges Handy-Checken: Heute gilt vieles schnell als Sucht. Doch das sind oft nur Gewohnheiten. Wie Sie diese trotzdem loswerden können, erfahren Sie hier
von Franziska Draeger, 21.12.2016

Schokolade: Wer ihr nicht widerstehen kann, hat noch lange keine Sucht

Shutterstock/nunosilvaphotography

Lieber mit dem rechten oder mit dem linken Bein zuerst aufstehen?, fragt sich der Mann ohne Gewohnheiten nach dem Aufwachen. Er entscheidet sich für das linke. Nun plant er seinen Weg ins Badezimmer und legt ihn mit Bedacht zurück. Er sucht eine Weile nach seiner Zahnbürste und überlegt, wie viel Zahnpasta er nehmen soll. Vorsichtig misst er einige Gramm ab.

Der Mann ohne Gewohnheiten ist eine Fantasiefigur, die sehr lange brauchen würde, bis sie morgens aus dem Haus kommt. Die bis mittags wahrscheinlich völlig erschöpft wäre. Denn ohne Gewohnheiten muss die kleinste Handlung geplant und analysiert werden. Es raubt dem Alltag das All- und macht ihn kompliziert.

Gewohnheiten ermöglichen zügiges Arbeiten

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier, sagt man. Spricht vom Schweinehund, als wären Gewohnheiten etwas Primitives, Animalisches. Dabei sind sie zutiefst menschlich. Erst sie ermöglichen kluge Gedanken und zügiges Arbeiten. Indem vieles wie von selbst läuft, gewinnt unser Gehirn Zeit, sich größeren Fragen zu widmen. "Wir schalten dann quasi auf Autopilot", sagt Professorin Nicole Calakos von der Duke-Universität (USA). Eine gute Gewohnheit ist wie ein Flugticket zum nächsten Zwischenziel – seien es saubere Zähne, ein voller Magen oder gebundene Schuhe. Wieso sprechen wir also meistens von schlechten Gewohnheiten und nur selten von guten? Warum verteufeln wir einige Gewohnheiten regelrecht und nennen sie Sucht?

"Menschen sprechen oft schon von Sucht, wenn sie mal ein paar Stück Schokolade essen", sagt Professor Christian Lüscher, Neurowissenschaftler an der Uni Genf, der sich mit den Mechanismen von Sucht und Gewohnheiten beschäftigt. Experten wie Lüscher finden, dass der Begriff Sucht heute zu inflationär verwendet wird. Sie halten das, was andere als solche bezeichnen, schlicht für eine ausgewachsene Gewohnheit. Doch wer immer wieder auf sein Smartphone schaut, gilt schnell als Handy-süchtig, wer Süßspeisen liebt, als Zucker-abhängig. Diese Sichtweise tut allen unrecht: denen, die gerne ihrer Gewohnheit frönen, ohne ihr verfallen zu sein. Und denen, die tatsächlich an einer Sucht leiden.

Bei einer Sucht ist das Belohnungssystem außer Kontrolle

"Wenn der Zwang, etwas zu nehmen oder zu tun, so stark ist, dass man Gesundheitsschäden oder Einschränkungen der Lebensqualität in Kauf nimmt, dann ist es eine Sucht", sagt Lüscher. Wenn die Beziehung auf der Kippe steht, weil der Partner nur noch im Internet surft. Oder wenn jemand haufenweise Süßes isst, obwohl der Arzt bereits ernsthafte Gewichtsprobleme diagnostiziert hat. Dann deutet dies auf eine Sucht hin. Dabei läuft das Belohnungssystem im Gehirn aus dem Ruder. Jedes Mal, wenn man eine Droge nimmt oder eine angenehme Handlung ausführt, wird der Botenstoff Dopamin ausgeschüttet. Die Folge: ein Hochgefühl, das man so oft wie möglich erleben will.

Für Gewohnheiten spielen hingegen eher die Basalganglien unter der Großhirnrinde eine wichtige Rolle. Sie sind an vielen automatisch ablaufenden Aktionen beteiligt und erzeugen – vereinfacht gesagt – zwei Signale: ein Stopp- und ein Los-Signal. Steht man kurz davor, zur Schokolade zu greifen, kann es sein, dass das Los-Signal überwiegt. Und wenn es schnell genug erfolgt, ist der Arm schon ausgestreckt, bevor sich überhaupt die Vernunft in die Entscheidung einschaltet.

Haben wir eine Handlung einmal ausgeführt und hat sie sich gut angefühlt, wiederholen wir sie wahrscheinlich. Nach und nach hinterlässt die wiederholte Handlung Spuren im Gehirn, wir haben sie uns eingeprägt. Jetzt kann sie im Autopilot ablaufen. Nicole Calakos hat in einem Laborversuch gezeigt, woran das liegt: Bei diesen Handlungen wird das Los-Signal gewissermaßen trainiert. "Läuft es schneller ab als ein mögliches Stopp, so hat das Los einen Vorsprung", sagt die Forscherin.

Gewohnheiten loswerden durch Achtsamkeitstraining

Bei einer Sucht oder einem Zwang brauchen Betroffene Hilfe. Gewohnheiten hingegen kann jeder mit etwas Mühe selbst ablegen. Professor Judson Brewer von der Yale School of Medicine in New Haven (USA) erforscht, wie Achtsamkeitstraining dabei hilft: "Es geht darum, neugierig das Gefühl zu beobachten, das man bekommt, wenn man sich etwa nach einem Stück Schokolade sehnt." Das Ziel: dieses Gefühl erkennen und sehen, dass man es aushalten kann, dass es verebbt – selbst wenn man ihm nicht nachgibt.

In Studien erzielte Brewer unter anderem gute Erfolge mit Menschen, die stark dazu neigen, bei Stress zu essen. Bei Judson Brewer selbst hat diese Taktik ebenfalls angeschlagen. "Ich habe früher ständig die Website der New York Times gecheckt, wenn ich unter Stress stand. Als würde sich die Welt alle paar Minuten verändern. Inzwischen bin ich davon losgekommen."

Schlechte Gewohnheiten lassen sich vielleicht ersetzen

Wer es nicht mit Achtsamkeit versuchen will, kann auch probieren, eine Gewohnheit durch eine andere zu ersetzen. Das befreit Betroffene zwar nicht aus dem Verlangen-Gewohnheit-Karussell, kann aber trotzdem helfen. Wer bei großer Anspannung mehrere Muffins in sich hineinstopft, sollte einmal versuchen, stattdessen im Internet Comics zu lesen. Noch keine perfekte Angewohnheit – aber auf Dauer zumindest gesünder.

"All diese Versuche lohnen sich aber nur bei wirklich schlechten Gewohnheiten", sagt Yale-Professor Judson Brewer. Mit Gewohnheiten, die vielleicht lästig sind, aber nicht schädlich, würde er ganz anders umgehen: "Kämpfen Sie nicht dagegen an, tanzen Sie mit ihnen."



Bildnachweis: Shutterstock/nunosilvaphotography

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