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Schizophrenie belastet Betroffene wie Angehörige

Erkrankt ein Mensch an Schizophrenie, werden seine Gedanken unverständlich. Unterstützung brauchen dann auch die Angehörigen
von Sonja Gibis, 10.05.2016

Menschen mit einer Schizophrenie haben oft eine verzerrte Wahrnehmung

dpa/Picture Alliance

Die Haare und Kleider verdreckt, völlig ausgehungert. Als die Polizisten den jungen Mann am Stuttgarter Bahnhof aufgriffen, ahnten sie nicht, was hinter ihm lag: Nächtelang war Wulf-Peter H. am Neckar entlanggewandert, überzeugt, der Auserwählte zu sein. Er hatte Menschen gesegnet, in die Tiefen des Seins geblickt. Gleichzeitig hatte der 21-Jährige Todesangst. Er war sicher: Ein Atomkrieg drohte. Sogar die Blicke der Menschen schienen das zu bestätigten. In ihren Augen schwarze Nacht.

Die surrealen Bilder, die wirren Gefühle, die er damals erlebte – Wulf-Peter H. erinnert sich an jedes Detail. Auch wie seine Eltern damals auf die Polizeistation kamen, um ihn in die psychiatrische Klinik zu begleiten. "Meine Mutter hat so geweint", erzählt der heute 54-Jährige. Sie habe ihm schrecklich leidgetan. Sagen konnte er ihr das damals nicht. "Die Welt der Schizophrenie ist in sich stimmig, doch als Ganzes verschoben", versucht H. zu erklären. Zwischen ihr und dem Rest der Welt klafft ein Spalt, unüberwindbar von beiden Seiten.

Bei den meisten Kranken öffnet sich dieser zum ersten Mal, wenn sie junge Erwachsene sind. Nur in Einzelfällen bedeutet das aber, dass sie lebenslang in der anderen Welt versinken. "Schizophrenie ist eine schwere Krankheit", sagt Dr. Werner Kissling, leitender Oberarzt an der Psychiatrischen Klinik des Klinikums rechts der Isar in München. Viele Betroffene können dennoch ein beinahe normales Leben führen – wie heute auch Wulf-Peter H.

Oft belastet die Erkrankung die ganze Familie

Damit das gelingt, brauchen aber nicht nur die Kranken Hilfe. "Man sollte die Angehörigen so früh wie möglich in die Behandlung einbeziehen", rät Kissling. Denn kaum etwas ist verstörender, als wenn sich die Welt eines nahestehenden Menschen verschiebt, der Kontakt zu ihm abbricht.

H. kann nur ahnen, wie sehr seine Erkrankung die Familie belastet hat. Sein Vater war Arzt – und erkannte schnell, dass sein Sohn in einer schweren Psychose steckte. "Meine Eltern sind mutig mit der neuen Situation umgegangen", erzählt er. Auch wenn diese erst einmal hart war. Nach der Euphorie, in der er sich als der Erlöser wähnte, kam der Fall. H. stürzte in eine Depression. Neun Monate blieb er in der Klinik. "Die Ärzte haben sich viel Mühe gegeben", sagt er. Sie boten sogar eine Familientherapie an.

Leider sind solche Erfahrungen nicht die Regel. Eva S. erinnert sich, wie die Tür der geschlossenen Abteilung zufiel – und ihr Sohn, gerade mitten im Studium, dahinter verschwand. "Wir Eltern wurden kaum wahrgenommen", sagt sie. Wie in Trance fuhr sie mit ihrem Mann nach Hause. Im Kopf ein Gedanke: "Mein Kind. Jetzt ist es weg." Das war vor 27 Jahren. Durch ihr Engagement im Verband der Angehörigen psychisch Kranker weiß S. aber, dass diese Menschen auch heute noch oft wie Störenfriede behandelt werden. Teils wohl schlicht aus Zeitmangel.

Werden Angehörige einbezogen, haben Erkrankte weniger Rückfälle

Doch auch Eltern, Partner, Freunde sind Betroffene. "Um mit der Situation fertigzuwerden, müssen sie die Erkrankung verstehen", sagt Kissling. Manche psychiatrischen Stationen wie die am Klinikum rechts der Isar bieten spezielle Schulungen an, sogenannte Psychoedukationen. Untersuchungen zeigen, dass ein informiertes Umfeld allen nützt. Werden die Angehörigen geschult, haben die Erkrankten weniger Rückfälle, kommen seltener in die Klinik.

Genauso wichtig ist aber seelische Unterstützung, schon um Gefühle wie Schuld und Scham in den Griff zu bekommen. Über einen Herzinfarkt, sogar über Depressionen könne man heute sprechen, sagt S. Bei Schizophrenie sei die Reaktion nur: Schweigen. Zu groß sind Verunsicherung und Vorurteile. Schizophrene gelten als gefährlich, unberechenbar, unheilbar verrückt. "Das Stigma überträgt sich oft auf die ganze Familie", bestätigt Experte Kissling.

Nach der Diagnose müssen viele Familien zudem innerlich ordnen, was in den Jahren zuvor passiert ist. Denn oft verschiebt sich die Welt der Schizophrenie nicht mit einem Ruck. In einer Psychose schlafen Betroffene kaum, fühlen sich verfolgt, hören Stimmen. Die Welt scheint voller Zeichen zu sein. Das dunkle Vorspiel der Krankheit kann aber viel früher beginnen.

Was ist Schizophrenie?

Experten sprechen heute nicht mehr von Schizophrenie, sondern von Schizophrenien. Dahinter verbergen sich wohl verschiedene Erkrankungen, deren Ursache größtenteils unklar ist. Man weiß, dass Veranlagung sowie soziale und psychische Belastungen eine Rolle spielen. Die Symptome reichen von Antriebslosigkeit und Depression bis hin zu wahnhaften Gedanken. Typisch sind Krankheitsschübe (psychotische Episoden). Auslöser ist oft Stress. Insgesamt durchlebt etwa jeder hundertste Deutsche mindestens einmal im Leben eine Psychose. Zur Therapie gehören Medikamente sowie Psychotherapie und Psychoedukation. Wichtig ist diese auch für die Angehörigen. Hilfe finden sie etwa beim Bundesverband der Angehörigen psychisch Kranker, Telefon 02 28/71 00 24 00, www.bapk.de.


Die Grenzen zur Schizophrenie sind fließend

Auch bei Wulf-Peter H. zeigte sich die Krankheit schleichend. "Ich war ein guter Schüler", erzählt er. Dann drängten sich grüblerische Gedanken und Ängste in sein Leben. Er hatte Schweißausbrüche, die Hände zitterten. Schließlich wurde er wegen Depressionen behandelt. Eva S. Sohn war Schulsprecher, sportlich, beliebt. Bis er sich veränderte. "Wir haben alles versucht: gutes Zureden, Ermahnungen, Liebe, Strenge", erzählt sie. Nichts erreichte ihn. "Das verwächst sich", meinte der Hausarzt.

Hätte eine frühe Behandlung Schlimmeres verhindert? Dunkle Gedanken, ein Bedürfnis, sich zurückzuziehen – solche Phasen haben viele Jugendliche. Ein klares Kriterium für Schizophrenie sind sie nicht. Sicherer wird die Diagnose erst, wenn sich die Realität zu verzerren beginnt. "Manche hören zuerst nur kurz Stimmen, die wieder verschwinden", erklärt Professor Andreas Heinz, Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Charité Berlin.

Viele merken selbst, dass sie sich verändern. Sich dann Hilfe zu holen wäre wichtig – bevor sich ein Wahn verfestigt, die Einsicht, krank zu sein, schwindet. Doch scheuen die meisten das Gespräch mit einem Experten. Zu groß ist die Angst, als psychisch krank registriert und abgestempelt zu werden. Bewusst niedrig gesetzt wurde die Schwelle in ambulanten Früherkennungszentren, die es bislang aber nur an einigen Kliniken gibt, etwa an der Charité Berlin. Dort können sich Menschen zunächst sogar anonym beraten lassen. "Solche Angebote sind unschätzbar wichtig", sagt S. In Berlin macht man gute Erfahrungen: "Die Menschen kommen", bestätigt Heinz.

Lernen, mit der Erkrankung zu leben

Steht die Diagnose fest, brauchen die Patienten nicht nur Medikamente. Sie müssen lernen, mit ihrer Erkrankung zurechtzukommen. Zum Beispiel Wulf-Peter H. Sein Leben mit der Schizophrenie war nie leicht. Insgesamt fünf Jahre verbrachte er in Kliniken. Manchmal zittert beim Erzählen seine rechte Hand. Eine Spätfolge der Medikamente, die er seit Jahrzehnten einnimmt. Doch weiß er: Sie halten ihn in der Wirklichkeit.

In ihr hat er heute seinen Platz gefunden. Im Klinikum rechts der Isar ist H. kein Patient. Er gibt seine Erfahrungen an andere Kranke weiter, auch in Schulungen. Dazu machte er eine Ausbildung in Psychoedukation. Die Patienten haben zu ihm Vertrauen. "Die Ärzte kennen die Krankheit nur von außen", sagt H. Wie man sich fühlt, wenn die Welt sich verschiebt, das wissen sie nicht.



Bildnachweis: dpa/Picture Alliance

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